Eine Geschichte, die zu Ostern passt (04/05-2026)
Die Menge: Es herrscht eine aufgeregte Stimmung in den Strassen. Er sei unterwegs in unsere Stadt mit seinen Anhängern. Alle sind sie neugierig. Viele hoffen auf ein Spektakel. Die einen wollen ein Wunder live sehen, andere den woken Fake blossstellen. Einige haben auch Hoffnung, zum Beispiel auf ein Selfie. Was die Menge gemeinsam hat: sie wollen alle zuvorderst sein. Für die anderen hat es keinen Platz.
Der Baum: An anderen Tagen wird er geschätzt für seinen wohltuenden Schatten. Man trifft sich hier für einen kurzen Schwatz oder ruht sich aus. Heute, wo alle da sind, wird er nicht bemerkt. Aber er ist da. Treu, stoisch, demütig, dienend.
Er weiss es nicht, aber zusammen mit einem Tisch wird er zum heimlichen Helden des Tages werden.
Der kleine Mann: Er gehört nicht zur Menge. Jeder weiss, woher sein Geld kommt, aber niemand will es gewusst haben. Sein Milieu ist verpönt, und doch profitiert man von seinen Schleichwegen zu Macht und Genuss.
Heute versperren sie ihm alle den Weg. Er war schon immer klein. Aber noch nie so klein wie heute.
Er will raus aus dieser neonfarbenen, dröhnenden Einzelhaft des leeren Überflusses. Zum Teufel mit den Designerklamotten und den feinen Schuhen. Mit diesem Gedanken klettert er auf den Baum, der bereit stand, als hätte er auf ihn gewartet.
Der Wanderprediger: Gelassen und doch zielstrebig nähert er sich der Stadt. Er ist in ein lebhaftes Gespräch mit seinen Weggenossen verwickelt, das immer wieder unterbrochen wird durch seine herzhaften Lacher.
Er ist ein Mann der Gegensätze: Sanft und geduldig, und trotzdem unglaublich präsent. Rätselhaft anders, und trotzdem macht alles Sinn und scheint seltsam vertraut. Als wäre er nicht von dieser Welt, aber völlig in dieser Welt.
Die Einladung: Alle wollen diesem Fremden begegnen. Aber er geht einfach durch die Menge hindurch und spricht den Baum an, als wäre er das Ziel der Reise: «Heute muss ich bei Dir zu Gast sein!»
Der kleine unsichtbare Mann im teuren Anzug stieg schneller vom Baum, als er hätte herunterfallen können. Noch schneller pochte sein Herz.
Die Menge war sich ausnahmsweise einig: Wenn der wüsste, bei wem er sich da gerade eingeladen hatte, dann hätte er es nicht getan!
Doch die beiden wussten es genau.
Es war, als würden sich Himmel und Erde begegnen, seit jeher geplant.
Der Tisch: Der Tisch muss reich gedeckt gewesen sein. Die Stimmung war gut. Alle hörten dem Gast aufmerksam zu. Und immer wieder ertönte sein charakteristisches Lachen. Es klang wie das Echo des vermissten Paradieses, und weckte die Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht ganz verloren war.
Worüber haben sie geredet? Wir wissen es nicht. Sicher haben sie gelacht.
Jedenfalls geschah an diesem Tisch ein Wunder: Das Wunder einer Verwandlung. Es war nicht Wasser, das zu Wein wurde. Auch das Brot blieb einfach Brot. Aber durch das freundschaftliche Brechen dieses Brotes, das Anstossen mit dem edlen Tropfen und das Teilen eines guten Mahles geschah eine Transformation. Eine Wesensverwandlung. Aus einem einsamen und ausgegrenzten, für seinen Lebensstil verurteilten, von seinem Egoismus und Geltungsdrang getrieben und seiner Profitgier moralisch korrumpierten Menschen wurde ein glücklicher, freier und grosszügiger Mensch, der nun selber andere mit seinem entwaffnenden Lachen ansteckte und beschenkte.
An diesem Tisch geschah das Wunder einer Wiedergeburt.
Oder gar eine Auferstehung?
Liebe Grüsse und frohe Ostern
Andi Fuhrer